FI-Prüfung.& Funktionstest.
Sicherheit · Ablauf · Ergebnisse lesen · praxisnaher Leitfaden · Maher Zahra · 2026
Die Prüfung von FI-Schutzschaltern ist Pflicht — und mehr als das Drücken der Prüftaste. Dieser Leitfaden erklärt Sicherheitsregeln, den vollständigen Messablauf für Auslösestrom, Auslösezeit und Berührungsspannung sowie das richtige Lesen der Ergebnisse nach OVE E 8101.
Inhaltsverzeichnis.
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Warum FI-Prüfung Pflicht ist.
Der FI ist die letzte Rückfallebene beim Personenschutz — er muss zuverlässig funktionieren.
Der FI-Schutzschalter (RCD) schützt Personen und Sachwerte, indem er die Anlage bei einem Fehlerstrom sicher abschaltet. Damit dieser Schutz im Ernstfall wirkt, muss der FI regelmäßig geprüft werden — durch den Nutzer per Prüftaste und durch die Fachkraft messtechnisch.
Grundlage in Österreich sind die OVE E 8101 und die einschlägigen Prüfnormen. Geprüft werden vor allem Auslösestrom IΔ, Auslösezeit tA und die Berührungsspannung UB.
Hinweis: Arbeiten an der Elektroanlage dürfen ausschließlich durch elektrotechnisch qualifiziertes Personal erfolgen. Verbindliche Werte, Prüfmethoden und Intervalle ergeben sich aus der aktuellen Norm.
Prüftaste und Messgerät im Vergleich.
Die Prüftaste ersetzt niemals die messtechnische Prüfung.
| Aspekt | Prüftaste (T) | Installationstester |
|---|---|---|
| Was wird geprüft? | Mechanische Auslösung intern | Auslösestrom IΔ, Auslösezeit tA, UB |
| Wer prüft? | Nutzer / Betreiber | Elektrofachkraft |
| Häufigkeit | Alle 6 Monate | Bei Erstprüfung & wiederkehrender Prüfung |
| Normkonformer Nachweis? | Nein | Ja — mit Protokoll |
| Aussage über Grenzwerte? | Nein | Ja — messbar & dokumentiert |
Die Prüftaste erzeugt intern einen definierten Fehlerstrom und prüft nur, ob die Auslösemechanik grundsätzlich funktioniert. Ob der FI aber bei IΔN wirklich innerhalb der geforderten Zeit auslöst, kann nur der Installationstester beantworten.
Sicherheitsregeln vor der Prüfung.
Die FI-Messung erfolgt an einer eingeschalteten Anlage — Sicherheit hat Vorrang.
- Anlage darf unter Spannung stehen — die FI-Messung erfordert Netzspannung, im Gegensatz zur Isolationsmessung.
- Auslösen einplanen: Die Messung löst den FI aus — alle nachgelagerten Verbraucher fallen kurzzeitig aus (EDV, Kühlung, Alarm).
- Personen informieren, sensible Verbraucher (Server, Medizin, Produktionsanlagen) vorher kontrolliert außer Betrieb nehmen.
- Prüfleitungen CAT III/IV passend zur Netzform, unbeschädigt und geprüft.
- Nicht in feuchter Umgebung ohne zusätzliche PSA messen.
- Berührbare leitfähige Teile während der UB-Messung nicht berühren.
Messgerät und Zubehör.
Ein moderner Installationstester deckt alle FI-Prüfungen ab.
- Installationstester mit RCD-Funktionen (z. B. Metrel, Fluke, Gossen-Metrawatt, Chauvin Arnoux).
- Prüfleitungen Schuko-Adapter, 3-Leiter-Prüfschnur, ggf. Krokoklemmen.
- Zwei-/Dreiphasenadapter für Drehstrom-FI.
- Aktuelle Kalibrierung des Prüfgeräts (Zertifikat mitführen).
- Prüfprotokoll (digital oder Papier) mit Anlagen- und Messgerätedaten.
Anlage vor der Messung vorbereiten.
Saubere Vorbereitung senkt Fehlmessungen und schützt Verbraucher.
- Belastungsströme reduzieren: Verbraucher hinter dem FI abschalten oder trennen — Ableitströme verfälschen IΔ und lösen den FI vorzeitig aus.
- Netzform prüfen (TN-S, TN-C-S, TT) — je nach System werden UB und Erdungsprüfung anders bewertet.
- Netzspannung messen (L-N, L-PE) und dokumentieren.
- N-PE-Trennung im TN-S sicherstellen — ein N-PE-Kurzschluss löst den FI unerklärlich aus.
- Drehfeldrichtung bei Drehstrom-FI prüfen.
- Prüfstelle wählen: Steckdose oder Klemme direkt hinter dem FI.
Sichtprüfung und Prüftaste.
Vor der Messung: hinschauen und Prüftaste betätigen.
- Typenschild lesen: IΔN, Typ (AC / A / F / B / B+), In, Selektivität (S).
- Prüfsiegel / Kalibrierhinweise am Prüfgerät kontrollieren.
- Anschlussklemmen fest, keine Verfärbung oder Brandspuren.
- Prüftaste betätigen — FI muss sofort auslösen.
- Nach dem Wiedereinschalten: mechanisch prüfen, ob der Hebel sauber einrastet.
- Wenn Prüftaste nicht auslöst → FI defekt, sofort tauschen.
Auslösestrom IΔ messen.
Das Messgerät erhöht den Fehlerstrom langsam bis zum Auslösen.
Beim IΔ-Test (Rampenmessung) steigert der Installationstester den Fehlerstrom rampenförmig, bis der FI auslöst. Der gemessene Auslösewert IΔ muss im Bereich 0,5 · IΔN … 1,0 · IΔN liegen.
- IΔN am Messgerät einstellen (10, 30, 100, 300, 500 mA).
- Kurvenform je nach Typ (AC = Sinus, A = pulsierend DC, B = glatt DC).
- Messung mit 0° und 180° Halbwelle durchführen — der schlechtere Wert zählt.
- IΔ ablesen und protokollieren.
- Nach Auslösen: FI wieder einschalten und weitermessen.
Beispiel: FI Typ A · IΔN = 30 mA · gemessen 22 mA → innerhalb 15…30 mA → i.O.
Auslösezeit tA messen.
Ein definierter Fehlerstrom wird schlagartig eingespeist — die Zeit bis zum Auslösen ist tA.
Bei der tA-Messung wird der eingestellte Prüfstrom (z. B. 1·IΔN, 5·IΔN, ½·IΔN) sofort angelegt. Das Messgerät zeigt die Auslösezeit in Millisekunden.
- ½ · IΔN: FI darf nicht auslösen — bestätigt korrekte Empfindlichkeit.
- 1 · IΔN: Auslösung ≤ 300 ms (Standard-FI) — üblich < 40 ms.
- 5 · IΔN: Auslösung ≤ 40 ms — kurze Reaktion bei hohem Fehlerstrom.
- Selektive FI (S): deutlich längere Zeiten zulässig (siehe § 11).
Grenzwerte für IΔ und tA.
Referenzwerte für Standard- und selektive FI.
| Prüfung | Standard-FI (AC/A/F/B) | Selektiver FI (S) |
|---|---|---|
| ½ · IΔN | kein Auslösen | kein Auslösen |
| 1 · IΔN — max. tA | ≤ 300 ms | ≤ 500 ms |
| 1 · IΔN — typisch | < 40 ms | 130 – 500 ms |
| 5 · IΔN — max. tA | ≤ 40 ms | ≤ 150 ms |
| IΔ (Rampe) | 0,5 – 1,0 · IΔN | 0,5 – 1,0 · IΔN |
Für Endstromkreise mit UN ≤ 230 V gilt in der Praxis tA ≤ 40 ms bei IΔN — die 300 ms sind der absolute Grenzwert. Werte deutlich außerhalb dieser Bereiche sind ein Mangel.
Berührungsspannung UB messen.
UB darf im Fehlerfall die Grenzwertspannung UL (meist 50 V AC) nicht überschreiten.
Der Installationstester speist einen kleinen definierten Prüfstrom ein, misst den Spannungsabfall über den Erdungspfad und rechnet auf den Nennfehlerstrom IΔN hoch. Ergebnis:
- UB < 50 V: i.O. — Personenschutz gegeben.
- UB 50 V (in Sonderbereichen 25 V): Grenzwert erreicht — prüfen.
- UB > UL: Mangel — Erdung/Anschluss prüfen, ggf. FI-Empfindlichkeit anpassen.
Beispiel: RE = 250 Ω, IΔN = 30 mA → UB = 250 · 0,03 = 7,5 V → weit unter 50 V → i.O.
Prüfung selektiver FI (Typ S).
Selektive FI reagieren bewusst verzögert — als Vorschaltgerät für nachgelagerte FI.
- Kennzeichnung: großes „S“ im Symbol.
- Typischer Einsatz: 300 mA S am Hauseingang, dazu 30 mA für Endstromkreise.
- Auslösezeit tA bei IΔN: bis 500 ms zulässig.
- Prüfung erfolgt mit identischem Ablauf, nur mit erweiterten Zeit-Grenzwerten.
- Vor dem Test: nachgelagerte 30-mA-FI berücksichtigen — Kaskade kann zusätzlichen Ausfall verursachen.
Messergebnisse richtig lesen.
Was der Zahlenwert bedeutet — auf einen Blick.
| Messwert | Bewertung | Maßnahme |
|---|---|---|
| IΔ ≈ 0,7 · IΔN, tA < 40 ms, UB < 25 V | Sehr gut | Keine Maßnahme |
| IΔ 0,5–1,0 · IΔN, tA < 300 ms, UB < 50 V | i.O. | Protokollieren, normale Nutzung |
| IΔ < 0,5 · IΔN | Zu empfindlich | FI prüfen (defekt oder Ableitströme im Netz) |
| IΔ > IΔN | Zu unempfindlich | FI tauschen — kein sicherer Personenschutz |
| tA > Grenzwert | Träge Auslösung | FI tauschen |
| UB > UL | Erdungsproblem | Erdung/Verbindung PE prüfen, Ra messen |
| Kein Auslösen | Schwerer Fehler | FI sofort außer Betrieb & tauschen |
Typische Fehlerbilder & Ursachen.
Schnelldiagnose typischer Auffälligkeiten.
- FI löst schon bei ½·IΔN aus: hohe Ableitströme (viele elektronische Verbraucher, defekter Filter im Verbraucher, Isolationsfehler).
- FI löst gar nicht aus: Prüfung an falscher Stelle (vor FI), N-PE vertauscht, FI-Kontakte verklebt/oxidiert.
- Auslösezeit stark schwankend: lose Klemmstelle, alter FI, Umgebungstemperatur.
- UB zu hoch: fehlende oder unterbrochene PE-Verbindung, hoher Erdungswiderstand (siehe Ra-Messung).
- Typ AC statt Typ A/B: DC-Anteile (z. B. LED, Wechselrichter, Wallbox) blenden den FI — Typ anpassen.
Protokoll und Dokumentation.
Ohne Protokoll keine gültige Prüfung.
- Datum, Prüfer, Anlagenbezeichnung, Verteiler, Stromkreis.
- FI-Daten: Hersteller, Typ, IΔN, In, Selektivität.
- Messgerät: Typ, Seriennummer, Kalibrierdatum.
- Messwerte: IΔ, tA bei ½·IΔN / 1·IΔN / 5·IΔN, UB, Prüftaste.
- Bewertung (i.O. / nicht i.O.) und ggf. Maßnahmen.
- Unterschrift der Fachkraft.
- Aufbewahrung entsprechend den Vorgaben (Auftraggeber, Behörde, Norm).
Prüfintervalle in der Praxis.
Wer prüft wann?
| Wer | Was | Intervall |
|---|---|---|
| Nutzer / Betreiber | Prüftaste betätigen | Alle 6 Monate |
| Elektrofachkraft | Erstprüfung IΔ, tA, UB | Vor Inbetriebnahme |
| Elektrofachkraft | Wiederkehrende Prüfung | Nach OVE/OVE E — je nach Anlagenart |
| Elektrofachkraft | Prüfung nach Änderung | Nach jedem Umbau am Stromkreis |
| Elektrofachkraft | Anlassbezogen | Nach Auslösen unklarer Ursache, nach Wasserschaden |
Klassische Fehler bei der Prüfung.
Diese Fehler mindern die Aussagekraft.
- Nur Prüftaste betätigt — kein messtechnischer Nachweis geführt.
- Verbraucher nicht getrennt — Ableitströme verfälschen IΔ.
- Messung an falscher Stelle (vor dem FI) → FI löst nie aus.
- Falscher FI-Typ angenommen (AC statt A/B) → tA-Werte unrealistisch.
- N-PE-Brücke im TN-S vergessen aufzuheben → FI löst unerklärlich aus.
- Nur eine Halbwelle geprüft — negative Halbwelle unbewertet.
- UB nicht gemessen → Personenschutz nicht bewertet.
- Protokoll ohne Messgerätedaten und Kalibrierdatum → juristisch angreifbar.
Häufige Fragen.
Antworten auf häufige Fragen zur FI-Prüfung.
Der Auslösestrom IΔ, die Auslösezeit tA und optional die Berührungsspannung UB. Zusätzlich wird die Prüftaste betätigt, um die mechanische Auslösung zu verifizieren.
Typische LAP-Prüfungsfragen.
Fragen im Stil von Lehrabschluss- und Meisterprüfungen — mit knappen, sachlichen Antworten.
Welche drei Größen misst man an einem FI?
Auslösestrom IΔ, Auslösezeit tA und Berührungsspannung UB.
In welchem Bereich muss IΔ liegen?
Zwischen 0,5·IΔN und 1,0·IΔN.
Wie hoch darf tA bei einem Standard-FI (IΔN) höchstens sein?
300 ms — angestrebt sind Werte unter 40 ms.
Was ist UL?
Die Grenzwertspannung — in trockenen Bereichen 50 V AC, in Feuchträumen und Sonderbereichen 25 V AC.
Was ist der Unterschied zwischen Prüftaste und Messung?
Die Prüftaste bestätigt nur die mechanische Auslösung, die Messung liefert einen normkonformen Nachweis von IΔ, tA und UB.
Warum darf ein FI bei ½·IΔN nicht auslösen?
Um Fehlauslösungen durch normale Ableitströme zu vermeiden — der Personenschutz greift erst ab dem Nennfehlerstrom.
Was ist ein selektiver FI?
Ein FI mit bewusst verzögerter Auslösung, gekennzeichnet mit „S“, zur Vorstaffelung vor 30-mA-FI.
Wann wird ein Typ B statt Typ A benötigt?
Wenn glatte Gleichfehlerströme auftreten können, z. B. bei Wechselrichtern, Wallboxen mit AC/DC-Wandler, Frequenzumrichtern.
Wie oft muss der Nutzer die Prüftaste betätigen?
Mindestens alle 6 Monate.
Was gehört ins Messprotokoll?
Datum, Prüfer, Anlage, FI-Daten, Messgerät mit Kalibrierdatum, IΔ, tA, UB, Bewertung, Unterschrift.
Das Wichtigste in Kürze.
Die zentralen Aussagen dieses Leitfadens auf einen Blick.
- FI-Prüfung = Prüftaste + messtechnische Prüfung von IΔ, tA und UB.
- IΔ muss zwischen 0,5·IΔN und 1,0·IΔN liegen.
- tA ≤ 300 ms bei IΔN (Standard-FI) — typisch < 40 ms.
- Bei ½·IΔN darf der FI nicht auslösen.
- UB muss unter UL (50 V bzw. 25 V) bleiben.
- Selektive FI (S): erweiterte Zeit-Grenzwerte bis 500 ms.
- FI-Typ passend zu den Verbrauchern wählen (AC / A / F / B).
- Verbraucher vor Messung trennen — sonst Ableitströme.
- Protokoll ist Pflicht, Prüftaste alle 6 Monate.
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